Der handlungsorientierte Ansatz - oder:
Lernzirkel und andere Möglichkeiten

Wie wichtig ist Handlungsorientierung?

Soll Unterricht lehrerzentriert oder handlungsorientiert ablaufen?
Diese Frage stellt sich deshalb, weil Unterricht zu oft lehrerzentriert abläuft und schulische Erneuerer mehr Handlungsorientierung einfordern. Typisch "deutsch" wäre es, nun nur noch die Handlungsorientierung im Auge zu haben.

Die entscheidende Frage: Was braucht ein Jugendlicher?

Ausbildung und Erziehung sind die Aufgaben der heutigen Schule, auch wenn der Staat diese Doppelaufgabe derzeit noch nicht unterstützt. Erziehung bedeutet, dass dem Jugendlichen Orientierungshilfen gegeben werden müssen. Solche schulischen Orientierungshilfen kommen sowohl von Einzelpersonen (Lehrer) als auch von der sozialen Schülergruppe.

Eine Orientierung braucht zuerst einmal Leitbilder (= lehrerzentrierter Ansatz).

Da Eltern gelegentlich als erzieherische Leitbilder ausfallen und weil außenstehende Personen von Jugendlichen oft besser akzeptiert werden, muss vorwiegend die Schule ihren Erziehungsauftrag erfüllen.
Der Lehrer als Vorbild setzt Bewertungsmaßstäbe, Bewertungsrahmen, Normen. Wie bedeutsam ist ...? Wo sind Grenzen gesetzt?
Der Lehrer als Vorbild lässt Beurteilungskonzepte entstehen. Was ist wichtig?
Der Lehrer als Vormacher legt die Basis für viele Schlüsselqualifikationen. Wie gehe ich ein Problem an? Methodenbewußtsein kann nicht theoretisch vermittelt werden. Ohne lehrerzentrierte Hilfen während der langen Schulzeit müsste sich der Jugendliche alle Vorbilder entweder von Gleichaltrigen oder aus Fernsehen und Werbung holen. Nimmt man Begriffe wie Bildung und Kultur ernst, so kann letzteres kein sinnvoller Ansatz sein.

Eine Orientierung braucht auch die Gruppe (= handlungsorientierter Ansatz).

Besonders die Situation der häufigen Ein-Kind-Familie gibt dem sozialen Lernen in der Schülergruppe eine fundamentale Bedeutung. Wie und wo kann ein junger Mensch die Arbeit im Team lernen, außer in der Schule oder im Sportverein? Die Gruppe als soziales Umfeld hilft dem Jugendlichen bei der Selbstfindung, beim Einüben und Entwickeln seiner individuellen Talente. Der Lehrer ist in diesem Fall als Beobachter und als Berater gefordert.

Eine andere Begründung für die Notwendigkeit handlungsorientierten Lernens gibt Klippert.

(Klippert, Heinz: Methoden-Training, Übungsbausteine für den Unterricht. Beltz 1994, hier einige Zitate daraus.)

(S.22) "Wie einschlägige empirische Untersuchungen zeigen, führen mehr als fünfzig Prozent der Schüler ihre Lernschwierigkeiten maßgeblich darauf zurück, dass ihnen die nötigen Methoden und Techniken zur Planung und Steuerung ihres eigenen Lernens fehlen. Gelernt wird irgendwie, aber meist ohne klares Konzept. Das führt vor allem bei lernschwächeren Schülern zu ausgeprägtem Lernversagen."

(S.25) "Chancengleich und bildungswirksam zugleich sind erwiesenermaßen aktive, kreative und kooperative Lern- und Arbeitsprozesse, die den betreffenden Schülern konkrete Identifikation ermöglichen, die Konzentration entstehen lassen und greifbare Erfolgserlebnisse mit sich bringen. Das manische Festhalten an umfassender Belehrung ist auf jeden Fall kein sinnvoller Ausweg aus der angedeuteten 'Bildungsmisere'."

(S.30) "Bildung ist mehr als fachspezifischer Kenntniserwerb - das ist vorstehend bereits angedeutet worden. Bildung zielt im weiteren Sinne auf inhaltlich-fachliches Lernen, auf methodisch-strategisches Lernen, auf sozial-kommunikatives Lernen und nicht zuletzt auf affektives Lernen. (Siehe Tabelle "Erweiterter Lernbegriff" aus Klippert, S.31). So gesehen, darf der Lernerfolg der Schüler keineswegs nur an ihren fachspezifischen Reproduktionsleistungen festgemacht werden, wie das im Schulalltag nur zu oft geschieht, sondern er muss auch daran gemessen werden, ob und inwieweit die Schüler bestimmte eingeführte und geübte Methoden beherrschen." (Siehe Tabelle "Methodenkompetenz" aus Klippert, S.28).

Methodenkompetenz (Klippert, S.28)
Vertraut sein mit zentralen Makromethoden Beherrschung elementarer Lern- und Arbeitstechniken Beherrschung elementarer Gesprächs- und Kooperationstechniken
- Gruppenarbeit
- Planspiel
- Metaplanmethode
- Fallanalyse
- Problemlösendes Vorgehen
- Projektmethode
- Leittextmethode
- Schülerreferat
- Facharbeit
- Unterrichtsmethodik
- Feedback-Methoden
etc.
- Lesetechniken
- Markieren
- Exzerpieren
- Strukturieren
- Nachschlagen
- Notizen machen
- Karteiführung
- Protokollieren
- Gliedern/Ordnen
- Heftgestaltung
- Visualisieren/Darstellen
- Bericht schreiben
- Arbeitsplanung
- Arbeit mit Lernkartei
- Arbeitsplatzgestaltung
etc.
- Freie Rede
- Stichwortmethode
- Rhetorik
- Fragetechniken
- Präsentationsmethoden
- Diskussion/Debatte
- Aktives Zuhören
- Gesprächsleitung
- Gesprächsführung
- Zusammenarbeiten
- Konfliktmanagement
- Metakommunikation
etc.
Makromethoden Mikromethoden Mikromethoden

Diese Methoden lassen sich in die digitale Computerwelt umsetzen.

Erweiterter Lernbegriff (Klippert, S.31)
Inhaltlich-fachliches Lernen Methodisch-strategisches Lernen Sozial-kommunikatives Lernen Affektives Lernen
- Wissen
(Fakten, Regeln, Begriffe, Definitionen, ...)
- Verstehen
(Phänomene, Argumente, Erklärungen, ...)
- Erkennen
(Zusammenhänge erkennen)
- Urteile
(Thesen, Themen, Maßnahmen, ... beurteilen)
- Exzerpieren
- Nachschlagen
- Strukturieren
- Organisieren
- Planen
- Entscheiden
- Gestalten
- Ordnung halten
- Visaulisieren
etc.
- Zuhören
- Begründen
- Argumentieren
- Fragen
- Diskutieren
- Kooperieren
- Integrieren
- Gespräche leiten
- Präsentieren
etc.
- Selbstvertrauen entwickeln
- Spaß an einem Thema, an der Methode haben
- Identifikation und Engagement entwickeln
- Werthaltungen aufbauen
etc.