Training des Wahrnehmungsvermögens
ist wichtiger als Wissenerwerb

I. Zur Bewältigung der Informationsflut

In Zeiten mit geringem Informationsangebot, wie einst bei Robinson auf der Insel, war ein ständiges Training der individuellen Wahrnehmung lebenswichtig.
Heute in einer Zeit des 'unmenschlichen' Informationsüberangebots durch Internet, Fernsehen, Radio, Zeitung, Buch, Video, CD-ROM hat der Mensch zwei Alternativen um auf diese Überforderung durch die Informationsflut zu reagieren.

a) Die passive Reaktion zeigt sich in Form zunehmender Abwehr von Informationen, in Desensibilisierung, in Abstumpfung. Der Mensch wird oberflächlicher, passiver und abwartender. Nur 'Extrem' -Informationen über Katastrophen, über Gewalt, über Kriege, über Hungersnöte, über Sex erreichen das Individuum. Schulmüdigkeit, Interesselosigkeit, fehlender Leistungswillen und die Flucht in Drogen sind konsequente Folgen. Der Slogan 'Schule muß Spaß machen' wird als Lösung der Probleme angesehen. Dieser Weg besteht aber meist nur aus der Reduzierung von Inhalten und Anforderungen und aus der Vereinfachung von Lehrinhalten. Dabei werden die neuen Medien vorwiegend als Unterhaltungskomponente in die Schule integriert, handlungsorientierter Unterricht artet in Beschäftigungstherapie aus.

b) Der zweite Weg: Erlernen von Strategien zur aktiven Informationsbewältigung. Der intelligente Mensch verfolgt diesen Weg automatisch, da doch gerade solche Strategien Hauptbestandteil menschlicher Intelligenz sind. Der weniger intelligente Schüler könnte dies in der Schule unter Anleitung lernen. Für eine leistungsorientierte Schule ist dies der einzig mögliche Ansatz. Warum wird dieser Pfad aber kaum beschritten? Lehrpläne müssen neu interpretiert werden, Lehr- und Lernformen müssen angepaßt werden, und vor allem die Leistungsmessung muß auf die Bewertung von Fähigkeiten und Fertigkeiten (Schlüsselqualifikationen) umgestellt werden.

Das Wissen verdoppelt sich derzeit in etwa 6 Jahren. Da der Mensch offensichtlich seine Fähigkeit zum Wissenserwerb nicht steigern kann, das zeigt die reale Schule, werden die Schüler also alle 6 Jahre doppelt so dumm sein wie die Schüler 6 Jahre zuvor. Folgerung: Wissen kann nicht als Maßeinheit für ein Bildungssystem genutzt werden. Ein Volumen an Wissen beschreibt nicht mehr die Bildung eines Menschen oder die Tauglichkeit für einen Beruf. Abfragbares Lexikonwissen sollte als Meßkriterium ausgedient haben. Das ständige Gefühl zu wenig zu wissen macht den Menschen zum seelischen Krüppel. Lernt der Mensch aber den Umgang mit der Informationsflut, so kann er sich persönlich einbringen. Zu wissen bzw. zu erfahren, dass man mit einer Sache, einer Idee, einer Information richtig umgehen kann fördert das individuelle Selbstbewußtsein. Diese handlungsorientierte Komponente der Informationsverarbeitung sollte im Mittelpunkt schulischen Lernens stehen. Was steckt nun in dieser handlungsorientierten Komponente der Informationsverarbeitung? Entscheidenden Anteil hat sicher das persönliche Wahrnehmungsvermögen. Die Trennung von wesentlicher und nebensächlicher Information gelingt nur bei gut entwickeltem Wahrnehmungsvermögen.

II. Zur Wahnehmung

Was meint der Begriff Wahrnehmung eigentlich?
Wahrnehmung ist vereinfacht ausgedrückt eine Informationsaufnahme durch Nase, Ohr, Auge oder Haut. Ergebnis der Wahrnehmung sind Informationen über Gerüche, Geschmack, Temperatur, Töne, Sprache, Musik, Bilder, Texte, Karrikaturen, Struktogramme, Modelle und vor allem ganzheitliche komplexe Situationen.
Für einen Lehrer stellt sich die Frage:
Wie ist die Wahrnehmung steuerbar? Also: Wie kann der Schüler seine eigene Wahrnehmung steuern und wie kann der Lehrer das Wahrnehmungsvermögen beeinflussen? Die Antworten müssen aus Psychologie und Methodik, teilweise auch aus der psychologischen Pädagogik kommen. Es taucht bald eine tiefergehende Frage auf: Ist Wahrnehmung eine Form der Intelligenz oder ist sie Ergebnis eines lebenslangen Trainings? Dies können wir nicht entscheiden. Wir setzen deshalb eine Behauptung als Basis für unsere schulische Arbeit:


Definition:
Die Wahrnehmung ist das Vergleichen mit der persönlichen Vergangenheit. Das Wiedererkennen, das Erinnern, das Neue entdecken sind assoziative Verknüpfungen mit der persönlichen Vorgeschichte.

III. Die Wege zur verbesserten Wahrnehmung

Entsprechend dieser Basisdefinition von Wahrnehmung muß ein Wahrnehmungstraining entwicklungspsychologisch vorgehen. Weil das Kind, der Jugendliche, der Erwachsene in unterschiedlicher Weise eine Information wahrnimmt, muß nach altersspezifischen Trainingshilfen gesucht werden.

Worauf ist bei Trainingshilfen bei der Analyse von Informationen aus Bildern, Texten und Filmen etc. zu achten?
Da gibt es eine Fülle von Ansätzen aus der gängigen Schulpraxis:
- Spezifische Schülerinteressen durch Auswahl geeigneter Beispiele nutzen.
- Als Einstieg eine Erzählung wählen, um ein Gefühl aufzubauen. Dies ermöglicht später eine assoziative Verknüpfung zu dieser Unterrichtseinheit.
- Konzentration auf ein Minimum: 'Weniger ist mehr!' Dies ist in Zeiten von Multimedia und Internet besonders schwierig, dafür aber besonders hilfreich.
- Vorwissen und Erlebnisse der Schüler intensiv einbinden.
- Den Wunsch zum Suchen und zum Analysieren methodisch fördern.
- Ganzheitliche Beschreibungen verlangen, erst später analysieren lassen.
- Das Erkennen und Beschreiben von auffälligen Strukturen (im Bild, im Textaufbau, im Drehbuch zum Film) durch Fragen erzwingen.
- Das Erkennen und Beschreiben von auffälligen Texturen (Farben, Flächenmuster, Schriftbild, Gestaltung) durch Aufgaben erzwingen.
- Die individuellen Reizschwellen und deren Unterschiede von Schüler zu Schüler erkennbar machen.
- Das unterschiedliche Wahrnehmungsvermögen in Ruhe oder unter Stress bewußt machen.
- Zeigen, auf welche Informationen verzichtet werden kann, weil sie z.B. redundant sind.
- Zeigen, welche übergeordnete Information ergänzt werden muß, damit eine Wahrnehmung Sinn erhält.

Die intensive Beschäftigung mit der Wahrnehmung bei Schülern führt auf einige zentrale Fragen zum methodischen Vorgehen, die nur zum Teil beantwortet werden können.

- Beginnt die Wahrnehmung ganzheitlich oder setzt sie bei Details an?
Eine Antwort gibt die Betrachtung einer Karrikatur: Hier ist das Detail nebensächlich, obwohl gerade das Detail zur Erkennbarkeit des Ganzen entscheidend mitwirkt.
Eine andere Bestätigung liefert ein einfacher Test:
Ein Bild, z.B. die Versammlung von Pinguinen, wird mit einem Deckblatt mit unterschiedlichen Löchern abgedeckt. Wie groß müssen die Löcher sein, damit das Bild mit seinen Kernaussagen wahrgenommen werden kann? Es läßt sich auch testen, welche Details (z.B. kompletter Pinguinkopf) eine Schlüsselrolle bei der ganzheitlichen Wahrnehmung spielen. Dies liefert bei Bildern eine Antwort auf die Frage: Wie erkennt man das, was wesentlich ist?
Ein Puzzle hingegen unterstützt diese Fragestellung nicht. Beim Puzzle wird ausschließlich Vollständigkeit im Sinne alter Lehrpläne angestrebt.

- Die Wahrnehmung wird über Auffälligkeiten gesteuert. Welche haben dabei Vorrang?

Ist es eine wiedererkannte Form oder eine abweichende Form im Vergleich zu einer individuellen Vorstellung? Ist es die Farbe, die Textur, die Struktur, die Bewegung, die erkannte Kuriosität, die Stimmung einer ganzheitlichen Aussage, die individuelle Assoziation mit bekannten Begriffen oder Erlebnissen?
Die Analyse von Werbeplakaten und Werbebroschüren ist hier hilfreich, da sowohl die grafischen Werkzeuge (Auffälligkeiten) als auch die Zielsetzungen leicht zu finden sind.
Nach solch einer methodischen Hinführung kann dann z.B. ein Landschaftsbild oder ein anderes Bild mit geographischem Inhalt analysiert werden. Wesentlich ist die Einschätzung des eigenen Wahrnehmungsvermögens.

- Die Wahrnehmung wird auch stark durch Aufgabenstellung und Zusatzinformationen gesteuert. Bildinterpretationen mit und ohne 'Zusätze' bestätigen dies. Eine Legende, eine Bildunterschrift, eine Aufgabenstellung beeinflußt die Wahrnehmung auf spezifische Weise. Diese externe Steuerung der Wahrnehmung (Manipulation) sollte thematisiert werden, sie ist ein wesentliches Korrekturglied bei der Informationsverarbeitung. Für die Quellen aus dem Internet heißt dies z. B.: Welches Schlüsselwort hat mich zur Quelle geführt? Wer ist der Anbieter? Warum bietet er es an? Wie ist das Layout gestaltet? In welchen Kontext ist die Quelle eingebunden?

IV. Didaktische Fragen, auf die wir keine Antworten parat haben, die aber interessante Ansätze für handlungsorientierte Aufgabenstellungen zur Informationsverarbeitung beinhalten.

- Wie und wann beginnt das inhaltliche Differenzieren bei der Wahrnehmung? (ganzheitlicher Start, analytische Fortsetzung)
- Wie 'versteckt' eine starke Wahrnehmung (wie bei der Werbung) alle anderen, wieviele Informationen werden nur unbewußt integriert und spielen bei der Bearbeitung trotzdem eine bedeutende Rolle?
- Welchen Einfluß hat die unmittelbare Umwelt (Gruppe, Musik, Walkman, ...) auf die Wahrnehmung?
- Welche Rolle spielen Gefühle während der Wahrnehmung?
- Welche Rolle spielt die individuelle Eigentätigkeit bei einer Wahrnehmung? (Textstellen markieren, Skizze zu Bildstrukturen anfertigen, Beschriften eines Bildes, Ergänzen eines Bildes oder Textes, ...)
- Welche Rolle spielt das Kurzzeitgedächtnis bei der Wahrnehmung? Mit welchen Tricks läßt sich dies testen? (Erinnern an Details bei einem Zeugen bei einem Verkehrsunfall)
- Welche Rolle spielt der Lehrer beim Wahrnehmen? (Seine Methode, seine Persönlichkeit, die von ihm getroffene Auswahl, die Einführung, ...)
- Wie wichtig sind Vorwissen und Vorerfahrung beim Arbeiten mit Bildern? (Postkartenlandschaft in die Mitte eines Zeichenblattes kleben und die Landschaft nach allen Seiten fortsetzen lassen, oder Beschriften eines Wettersatellitenbildes von Europa - was ist zu erkennen?)
- Wie gelingt die Abstraktion, d.h. der Übergang vom Detail zur allgemein gültigen Aussage?
- Wie läßt sich die individuelle Leistung der Wahrnehmung messen? Schülervorschläge sammeln!

V. Die Umsetzung im Unterricht

Wichtig: Die handwerkliche Auseinandersetzung mit Informationen und deren fachkundige Aufbereitung stehen im Vordergrund. Dies kann sowohl im lehrerzentrierten als auch im gruppenorientierten Unterricht geschehen. Ganzheitliches Erfassen und Beschreiben, Analysieren und Folgern, Zusammenfassen und Bewerten stehen als jeweils einzelne Methode über dem expliziten Faktenwissen. Faktenwissen wird zum notwendigen Zubehör. Wie will ich etwas erklären, wenn die Fakten fehlen? Die fachgerechte Auswahl an Fakten muß eine Schlüsselqualifikation sein.
Über die handwerkliche Tätigkeit wird eine fachgerechte Auswahl an Informationen geradezu erzwungen. Die Zusammengehörigkeit (Vernetzung) von Informationen ist dabei wichtiger als die Einzelinformation. Die Information bleibt kein totes Wissen, sie wird wieder zum Bildungsinhalt, die fachspezifischen Methoden werden ins Bewußtsein gerückt.

Einige einfache Beispiele für den Unterricht

Zum Methodentraining:
- Die Auswahl von Bildern im Schulbuch: Was hat sich die Redaktion wohl dabei gedacht? Welche Assoziationen werden angestrebt? Für welche Tätigkeit soll Material vorgegeben werden? Welche Wirkung hat ein Bild?
- Die Ergebnisse einer Interpretation bei unterschiedlichen Vorgaben vergleichen lassen.
- Prinzipien der fachlichen Informationsauswahl zum praktischen Beispiel formulieren lassen.
Zum Anwendungstraining
- Leitbilder des Schulbuchs als zentrales Quellenmaterial benutzen und für den Unterricht aufbereiten (vorbildhaft) bzw. aufbereiten lassen (als Training).
- Postkartenlandschaft in die Mitte eines Zeichenblattes kleben und die Landschaft nach allen Seiten fortsetzen lassen (nach Phantasie oder real nach einer topographischen Karte) und erkannte Strukturen erklären lassen.
- Begriffe (Gewitter, Hurrican, Tornado, Gewitterfront) malen lassen.
- Zu vorgegebenem Bild oder Text auch Gliederungspunkte für einevielseitige Analyse vorgeben und das Ergebnis ganzheitlich zusammenfassen und bewerten lassen.
- Wahrnehmungen zu einem Satellitenbild und zur zugehörigen Natur vergleichen lassen, Wahrnehmungen bildlich und in Textform dokumentieren und Ergebnis als Präsentation gestalten.

 

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