2.    Durchführung des Projektes

2.1    Einstieg in die Problematik

Der Einstieg sollte die Lerngruppe unmittelbar in zentrale Problemdimensionen des Themas einführen, die von der Lerngruppe erkannt und in eine inhaltliche Strukturierung des weiteren Vorgehens umgesetzt werden sollten. Andererseits war zu bedenken, dass die SchülerInnen noch nie einen Braunkohlentagebau gesehen hatten, sodass der Einstieg in das Thema als weitere notwendige Bedingung eine gewisse Anschaulichkeit vermitteln musste.

Die skizzierte doppelte Funktion des Einstiegs sollte durch eine Kombination von Dias vorwiegend aus dem Tagebau Hambach und einem Zeitungstext geleistet werden. Ein aktuelles Ereignis führte zu einer Abweichung von dieser Planung. Im Februar wurden, von Berichten in den Massenmedien ausführlich begleitet, zwei Bagger zwischen den Tagebauen Hambach und Garzweiler umgesetzt. Über dieses Ereignis hatte Markus Heinemann einen Film aufgezeichnet, der nun für den Unterricht zur Verfügung stand. Für den Film sprach, dass er inhaltlich mehr Problemebenen berührte als die vorgesehenen Dias. Zudem konnte von ihm eine größere motivierende Wirkung erwartet werden.

Ablauf und Ergebnisse der Stunde:

  Film von Spiegel-TV extra, 22.02.2001, ca. 35 Min. (gekürzt)
Die SchülerInnen sollten den Film auf verschiedene Problemebenen des Braunkohlentagebaus untersuchen und entsprechende Notizen machen.

  Ergebnisse
In den letzten 10 Minuten der Stunde wurden folgende Problemaspekte benannt:
 betriebswirtschaftliche Kosten der Baggerumsetzung
 (ereignisbedingte) Begleitmaßnahmen z.B. der Polizei: Straßensperren, Sicherungsmaßnahmen usw.
 Faszination Technik vs. Bagger als "Monster"
 PR-Effekte der Umsetzung für die Rheinbraun AG
 Zerstörung von Lebensraum/Heimat
 ökologische und energiepolitische Kritik: Braunkohlenverstromung als "Sauriertechnologie"
 soziale Probleme der Umsiedlung: Verlust der sozialen Kontakte in den vom Tagebau bedrohten Siedlungen vs. neue Siedlungen

Diese Problemaspekte sollten, ergänzt durch eine entsprechende Auswertung des Zeitungsartikels "Rheinischer Braunkohleabbau voraussichtlich bis 2045 gesichert" (FAZ 22.12.94 S.15), als Hausaufgabe in eine Strukturskizze umgesetzt werden (s.u.).

 

2.2    Einführung in die Satellitenbildbetrachtung

In dieser Doppelstunde war der Fachlehrer wegen einer anderen dienstlichen Verpflichtung nicht anwesend. Abgesprochen war mit der Arbeitsgruppe, dass Markus Heinemann und Daniel Müller eine erste Einführung in die Betrachtung von Satellitenbildern vornehmen sollten.

Naheliegend schien, den Zugang in das neue Medium von einer bekannten Grundlage aus zu eröffnen. Zur Diskussion stand, diese erste Begegnung mit Satellitenbildern aus dem Raum Herborn durchzuführen, um die Ortskenntnis der Schüler zu nutzen und ihnen so eine Chance zu geben, zunächst einmal einzelne Objekte und damit auch sukzessiv die Abbildungsmethoden der Satellitenbilder kennen zu lernen. Wir entschieden uns dann aus Gründen der Zeitökonomie für einen Vergleich Karte - Satellitenbild des eigentlichen Untersuchungsgebietes, um auch gleichzeitig eine erste Beschäftigung mit der Topographie des Rheinischen Braunkohlenreviers herbeizuführen.

Für den Vergleich benutzt wurde die Karte "Zwischen Rhein und Eifel" (1:100.000), die auf Grund einer geringeren Informationsdichte von Vorteil schien gegenüber der topographischen Karte 1:25.000 und damit zunächst einmal den Blick auf die großen, leichter erkennbaren Objekte lenken konnte. Zu einer genaueren Detailbetrachtung wurden dann auch noch die Blätter der topographischen Karte 1:25.000 ausgegeben.

Für die Einführung in die Satellitenbildbetrachtung hatten M. Heinemann/D. Müller Arbeitsaufträge formuliert:

  1. Vergleicht das vorliegende Kartenmaterial mit dem Satellitenbild von 1995 unter folgenden Aspekten:
        a) Wo befindet sich das auf dem Satellitenbild dargestellte Gebiet auf der/den Karten? 
            Findet markante Elemente (Orte, Flüsse, Straßen etc.) und benennt diese.
        b) Welche Strukturen erkennt Ihr auf dem Satellitenbild/auf der Karte? Wo gibt es Unterschiede?
        c)  Wo liegen Eurer Ansicht nach Vor- und Nachteile der Satellitenaufnahmen?
    Verwendet dazu jeweils die Grauwert- oder Dreikanaldarstellung, von der Ihr annehmt, dass sie euch den besten Zugang zum Satellitenbild liefert.

  2. Vergleicht die verschiedenen Dreikanal- und Grauwertbilder der Satellitenaufnahme von 1995 und benennt die jeweiligen Hauptmerkmale der unterschiedlichen Darstellungen.

  3. Schaut euch auch die Satellitenaufnahme desselben Gebietes von 1984 an und vergleicht dieses mit der Aufnahme von 1995 und dem aktuellen Kartenmaterial. 
        a) Wo seht Ihr Veränderungen?
        b) Inwiefern spiegelt sich die Problemdimension des Braunkohlentagebaus in den Aufnahmen wider? 

  4. Schildert Eure Arbeit mit den Satellitenbildern. Wo traten Probleme auf? Welcher Art waren diese?

Von der Stunde wurde ein Ergebnisprotokoll angefertigt, das der Kursleiter erhielt. Die SchülerInnen differenzieren ihre Ergebnisse nach den benutzten Kanälen. Gut erkannt wurden mit Kanal 4 die Sophienhöhe, Straßen und Vegetationsgrenzen. Mit Kanal 5 wurden einzelne Landschaftselemente (Felder, Hügel) ausgemacht sowie eine Musterung im Waldgebiet östlich vom Tagebau Hambach, die mit Hilfe der topographischen Karte 1:25000 als verschiedene Baumarten (Nadelwald/Laubwald) gedeutet werden konnten.

Die Landschaftsveränderungen zwischen 1984 und 1995 wurden u.a. mit Kanal 3 herausgearbeitet: 1984 war der Tagbau Hambach kleiner, der Tagebau Bedburg noch aktiv, der Staatsforst weitgehend unberührt, die Autobahn noch nicht fertig gestellt. 1995 waren größere Rekultivierungsflächen zu erkennen.

Als schwierig erwies sich für die SchülerInnen zunächst die Orientierung auf dem Satellitenbild, die erst mit Hilfe der Karte geleistet werden konnte. Den Einstieg über die zu einem Farbbild kombinierten Graubildaufnahmen fanden die SchülerInnen gut, da sie Ähnlichkeiten mit einem Luftbild/Foto aufwies.

 

2.3    Problemdimensionen des Braunkohlentagebaus

Die Stunde am 7. März  fiel einer Gesamtkonferenz zum Opfer, sodass in dieser Stunde an die Einstiegsstunde vom 28. Februar angeknüpft werden sollte. Als Bindeglied fungierten die in der Hausaufgabe gezeichneten Strukturskizzen zu den Problemdimensionen des Braunkohlentagebaus. Hier wurde ein Beispiel vorgestellt und im Unterrichtsgespräch weiter entwickelt.

Die folgende graphische Darstellung der Problemdimensionen des Braunkohlentagebaus basiert auf der Strukturskizze von Jan Kopfer (hier klicken). Sie wurde durch den Vergleich mit anderen Skizzen leicht abgewandelt und in einzelnen Punkten ergänzt.

Mit der Frage, inwieweit der Braunkohlentagebau von der Bevölkerung und den politischen Entscheidungsträgern akzeptiert oder abgelehnt wird, waren bereits auch die politischen Konfliktlinien ins Blickfeld gerückt, die zu einem späteren Zeitpunkt konkretisiert und bewertet werden sollen.


Strukturskizze der Problemdimensionen des Braunkohlentagebaus

Die ursprünglich für den Einstieg vorgesehenen Dias bildeten die Grundlage der inhaltlichen Weiterführung. Sie zeigten den Tagebau Hambach "von innen", eine Perspektive, die der Film nur in kurzen Einstellungen gestreift hatte: das Ineinandergreifen von Ausbaggern und Absetzen und die daraus resultierende "Wanderung" des Tagebaus. Ziel war, das technische Funktionieren des Tagebaus zu zeigen. Abgesichert wurde dieser Schritt durch die nachträgliche Ausgabe des Arbeitsblattes "Schematische Darstellung einer Tagebauentwicklung" (E. Klahsen/N. v.d. Ruhren: "Das Rheinische Braunkohlenrevier"; Mat. 2, 1986 Nr. 9) an die SchülerInnen.

Aufgrund der Schülerfragen zu den Dias bietet sich als mögliche Alternative an, zunächst mit dem Arbeitsblatt zu beginnen. Die Dias können dann nachträglich gezeigt werden mit dem Arbeitsauftrag, sie in der Skizze zu lokalisieren.

 

2.4    Geologie der Braunkohle

Thema der Sequenz war die Geologie der Braunkohle. Als Einstieg wurden Bilder (s.o.) noch einmal unter der neuen Aufgabenstellung betrachtet, Beobachtungen zu geologisch relevanten Sachverhalten auf den Bildern zu machen, diese - wenn möglich - zu erklären bzw. Erklärungshypothesen aufzustellen und weiterführende Fragen zu stellen. Die SchülerInnen formulierten eine Reihe von Fragen, die zwei großen Fragekomplexen zugeordnet werden konnten:

I. Schichtung des Tagebaurandes
   
  Abtragung von Bergen?
      Gibt es einen Rhythmus der Schichten?
      Welche Faktoren bestimmen die Abtragung/Ablagerung?
      Haben die Schichten zwischen den Flözen einen wirtschaftlichen Wert?
      Verhältnis von Braunkohle zu Abraum?
      Ist bei tiefliegenden Flözen ein Abbau in Stollen/Schächten rentabel?

II. Braunkohle
   
  Wie entsteht Braunkohle?
      Wie erklärt sich der Wechsel von Braunkohleflözen und anderen Schichten?
      Dicke der Flöze?
      Wie rein ist die Braunkohle?
      Wie ist die Spaltung der Flöze zu erklären?
      Wie stellt man das Vorhandensein von Braunkohle unter der Erde fest?
      Wie lange reichen die Reserven?
      Was kostet Braunkohle?

Die Fragen führen über das engere Thema Geologie hinaus. Die weiterführenden Aspekte werden in der Planung der folgenden Schritte berücksichtigt.

Die praktische Beantwortung der gestellten Fragen erfolgte in mehreren Schritten, zu denen jeweils spezifische Materialien eingesetzt wurden. Zunächst wurde den Fragen nachgegangen, die auf geologische Sachverhalte zielten.

Einen ersten Überblick mit Erklärungen zu einem Teil der Fragen gab die Broschüre "Die Entstehung der niederrheinischen Braunkohle"; Hrsg. Rheinbraun AG 5.Aufl. Köln 1989.

Entsprechend dem Titel des Arbeitsmaterials stand zunächst die Frage nach der Entstehung der Braunkohle im Vordergrund. Hierzu wurden die Gründe aus dem Text entnommen:

Scholleneinbruch im Oligozän, der zur Bildung der Niederrheinischen Bucht führte; Vordringen des Meeres.

Für das Pflanzenwachstum herrschten günstige Klimabedingungen.

Stetige Bodenabsenkung und der damit verbundene Anstieg des Grundwasserspiegels führten dazu, dass lagunenartige Niederungen entstanden, in denen die Vegetation unter Luftabschluss geriet.

Hier entstanden die Braunkohleflöze, die durch die Stoffwechseltätigkeit von Mikroorganismen aus Torf gebildet wurden.

Notwendige Bedingung: ein starker Druck, der bei weiterer Absenkung des Gebietes durch Ablagerungen aus dem Randgebieten entstand. Der Kohlenstoffanteil ist umso größer, je tiefer die Braunkohle sank.

Die Ablagerungen bildeten die Zwischenschichten zwischen den Flözen. Aus den Ablagerungsbedingungen erklärt sich die keilförmige Spaltung der Flöze.

Damit war bereits in erster Annäherung eine Reihe von Fragen beantwortet. Die hier anzuführenden geologischen Prozesse wurden mit Hilfe weiterer Materialien konkretisiert.


Quelle: E. Klahsen/N.v.d. Ruhren, Das Rheinische Braunkohlenrevier.

Das Arbeitsblatt "Geologisches Profil der Niederrheinischen Bucht" (E. Klahsen/N.v.d. Ruhren, Das Rheinische Braunkohlenrevier; Materialien 2, 1986, Nr. 14) verdeutlicht die Lagerungsverhältnisse der Braunkohle, nachdem die Niederrheinische Bucht im Pliozän in einzelne Schollen zerbrochen war. Aus dem Profil beantwortet werden kann die Frage, wie (und wo) man auf die Braunkohle stieß. Die Anfänge liegen in der Ville, wo die Braunkohle durch vertikale Bewegungen in die Nähe der Oberfläche gehoben wurde. 

Gleichzeitig werden auch ökonomische Gesichtspunkte deutlich. Ein Abbau ist nur bei den mächtigen Flözen rentabel und wegen der geologischen Verhältnisse (Sand- und Kiesschichten im Hangenden) auch nur im Tagebau möglich trotz der hohen Kosten, die u.a. durch die Zerstörung von Siedlungen und die Umsiedlungen entstehen.

Die folgenden Stunden am 21.03., 26.03. und 28.03. fielen wegen anderer dienstlicher Verpflichtungen des Fachlehrers aus bzw. wurden für die Rückgabe einer Klassenarbeit genutzt. So konnte das Thema "Geologie der Braunkohle" erst in der Doppelstunde am 02.04. fortgesetzt werden. Die SchülerInnen hatten folgende Materialien erhalten, die als Hausaufgabe zu bearbeiten waren:
A. Schäfer; "Die Niederrheinische Bucht – Ablagerungs- und Lebensraum", in: Erdgeschichte im Rheinland; München 1994, S. 155 – 157
V. Mosbrugger; "Pflanzenwelt und Klima der niederrheinischen Braunkohlenformation", in: Erdgeschichte im Rheinland, ebenda S.170 – 171

Wegen der langen Unterrichtsunterbrechung wurde die Stunde am 02.04. mit einer Wiederholung eingeleitet. Dazu wurden Karten zu Deutschland im Oligozän und Miozän projiziert (aus: E. Probst, Deutschland in der Urzeit. München 1999 S.249, 259) um die großräumigen Zusammenhänge zu verdeutlichen: Meerestransgression, mitteleuropäisches Grabensystem, das Stoff der Klassenstufe 11 gewesen war. Des weiteren wurde eine Folie des geologischen Profils der Niederrheinischen Bucht (s.o.) gezeigt, an der noch einmal die kleinräumigen tektonischen Prozesse und die Entstehung bzw. die Lagerungsverhältnisse der Braunkohle wiederholt wurden.

Die eigentliche Aufgabe in der Doppelstunde war dann, die beiden Texte von A. Schäfer und V. Mosbrugger in eine tabellarische Übersicht umzusetzen, die vom Pleistozän bis zur Kreide reichte und Spalten zu Tektonik und Klima/Vegetation enthielt. Die Zeilenbreite der geologischen Epochen v.a. des Tertiärs variierte in der Tabelle je nach ihrer Zeitdauer.

Um einen konkreten Bezugspunkt zu den angegebenen Klimadaten zu erhalten, wurden als Vergleichsgrößen die entsprechenden Daten des Schulortes Herborn ausgegeben:

  Jan. Feb. Mär. Apr. Mai Jun. Jul. Aug. Sep. Okt. Nov. Dez. Jahr
mittl. Temp. [°C] 0,0 1,0 4,0 8,0 13,0 16,0 17,5 16,5 13,5 8,5 4,0 1,0 8,56
mittl. Nieder-
schlag [mm]
61 54 47 47 48 59 71 59 50 65 59 72 692

Eine weitere sinnvolle Ergänzung wären aktuelle Klimadaten einer tropischen bzw. subtropischen Station gewesen, die den Temperatur- und Niederschlagsverhältnissen des Miozäns entsprechen.

Die Unterrichtssequenz zur Geologie der Braunkohle stützte sich auf folgende Literatur, aus der auch die Arbeitsmaterialien (Karten, Diagramme, Texte) genommen wurden:

"Braunkohle in Deutschland: Entstehung, Lagerung, Förderung."; Geographie und Schule, SH, Okt. 1997 S. 13 – 18

Grabert, H.; "Abriss der Geologie von Nordrhein-Westfalen"; Stuttgart 1998

Hager, H. / Prüfert, J.; "Tertiär. In: Geologie am Niederrhein."; Hrsg.: Geologisches Landesamt Nordrhein-Westfalen; Krefeld 1988 S. 32 – 40

dies.; "Braunkohle", in: "Geologie am Niederrhein"; a.a.O. S. 88 – 91

Koenigswald, W.v./Meyer, W.; "Erdgeschichte im Rheinland"; München 1994

Mosbrugger, V.; "Pflanzenwelt und Klima der niederrheinischen Braunkohlenformation", in: Koenigswald,W.v./Meyer,W. a.a.O. S. 165 – 172

Schäfer, A.; "Die niederrheinische Bucht im Tertiär – Ablagerungs- und Lebensraum.", in: Koenigswald,W.v./Meyer,W. a.a.O. S. 155164

Schäfer, A.; "Die Niederrheinische Bucht - Ablagerungs- und Lebensraum", in: Erdgeschichte im Rheinland; München 1994, S. 155157
Mosbrugger, V.; "Pflanzenwelt und Klima der niederrheinischen Braunkohlenformation", in: Erdgeschichte im Rheinland, ebenda S. 170171

Probst, E.; "Deutschland in der Urzeit. Von der Entstehung des Lebens bis zum Ende der Eiszeit", München 1999 (1986)

 

2.5    Energiepolitische Bedeutung der Braunkohle

Mit der Behandlung der Geologie der Braunkohle waren nicht alle Fragen aus der Stunde vom 14.03. beantwortet worden. Noch offen waren die Fragen zur energiepolitischen Bedeutung der Braunkohle. Zu diesem Themenaspekt hatten die SchülerInnen Statistiken und Diagramme auszuwerten. Ziel war, die Energiesituation in Deutschland herauszuarbeiten, die deutsche Situation durch einen europäischen Vergleich schärfer ins Blickfeld zu bekommen und aus den statistischen Befunden Probleme zu erkennen. Vor dem Hintergrund der Demonstrationen gegen den Castor-Transport nach Gorleben, der gleichzeitig die Berichterstattung in den Medien beherrschte, konnten sowohl ein starkes Interesse als auch Problembewusstsein für diese Fragen unterstellt werden.

Von den SchülerInnen waren folgende Statistiken und Diagramme in Partnerarbeit zu bearbeiten:

Energiesituation in Deutschland: M 1 Struktur des Energieverbrauchs in Deutschland 1950 – 1999, M 2  Endenergieverbrauch nach Energieträgern. In: Metzler aktuell Jan. 2001; Abb. 1: Entwicklung von BIP, Primärenergie- und Bruttostromverbrauch. In: Braunkohle im Spannungsfeld. GuS SH Oktober 1997 S. 3, 7

Deutsche Braunkohlenreviere. Förderung und Verwendung 1994 und wirtschaftlich gewinnbare Vorräte; Brutto-Stromerzeugung der öffentlichen Elektrizitätsversorgung der BRD 1992 – 2005. In: Braun,W. u.a., Braunkohlentagebau und Umsiedlung im Rheinischen Revier. Geostudien SF 3, Köln 1996 S. 38

Primärenergieverbrauch nach Energieträgern in der BRD 1950 – 1995; Energieimportabhängigkeit der BRD im Jahre 1994. In: Braun, W. u.a., Braunkohlentagebau und Umsiedlung im Rheinischen Revier a.a.O. S.40

Abb. 2: Weltenergie: Vorräte (wirtschaftlich gewinnbar), Verbrauch, Reichweite; Tab. 2: Importanteile europäischer Länder am Primärenergieverbrauch in %; Tab. 3: Energieversorgungsstruktur europäischer Länder (Anteile in %). In: Braunkohle im Spannungsfeld a.a.O. S. 3, 5

Im Mittelpunkt der Auswertung stand zunächst die Struktur des Energieverbrauchs in Deutschland. Die unterschiedlichen Entwicklungsreihen der einzelnen Primärenergieträger in der Nachkriegszeit spiegeln auch den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft, der Gegenstand des Unterrichts bei der Erklärung der räumlichen Disparitäten in Deutschland gewesen war. In der gleichen Weise fand ein Rückbezug auf das Ruhrgebiet statt, das eine Gruppe bearbeitet hatte.

Ein weiterer Unterrichtsschwerpunkt lag in der Diskussion der Importabhängigkeit auf dem Energiesektor, deren Problematik die Schülerinnen und Schüler v.a. im Zusammenhang mit internationalen politischen Krisen (v.a. Nahost-Krise) sahen. In diese Fragen wurde auch die Atomenergie einbezogen. Thema der Diskussion waren die (Nicht-)Notwendigkeit der Kernenergie, ihre Akzeptanz in der Bevölkerung, differenziert nach der Entfernung von AKWs bzw. dem Zwischenlager Gorleben, die Abwägung von Risiken/Umweltproblemen im Vergleich zu anderen Energieträgern, der Stellenwert der erneuerbaren Energien.

Die energiepolitische Situation Deutschlands im Vergleich zu anderen europäischen Staaten wurde in der Weise herausgearbeitet, dass die entsprechenden Tabellen (s.o.) auf die Karten "Europa - Industrie/Energie" (Diercke Weltatlas S.120/121) aufeinander bezogen wurden.

Die folgenden Stunden am 25.04. (berufskundliche Informationsveranstaltung für die Schülerinnen und Schüler der Klassenstufe 12) und am 30.04. (beweglicher Ferientag) fielen aus.

 

2.6    Ökologische Problematik

Am 07.05.2001 wurde zunächst eine 2-stündige Klausur zum Thema mit Aufgaben zu "Kriterien der Energiewahl" und "Ein schematischer Schnitt durch die Schichtenfolge des niederrheinischen Tertiärs" geschrieben (hier klicken).

Die Teilthemen "Geologie" und "Energiesituation in Deutschland" hatten an Eigengewicht gewonnen und sich verselbständigt. Mit dem Wiedereinstieg nach der Unterrichtspause musste der direkte Bezug zum eigentlichen Projektthema wiederhergestellt werden. Diese Funktion erfüllten die beiden in ihren Aussagen kontroversen Texte

Rheinbraun informiert: Braunkohle in Europa (September 1999). Von Th.Saus/H.-W. Schiffer

Garzweiler. Bund für Umwelt und Naturschutz in Deutschland. Umweltschützer fordern Stopp des Tagebaus (http://www.ngz-online.de/ngz/news/garzweiler/bund.html)

Der Text "Braunkohle in Europa" knüpfte zunächst an die energiepolitische Diskussion an. Im Kontrast zum zweiten Text rückte aber zum einen die ökologische Problematik stärker in das Blickfeld, zum anderen sollte wieder bewusst werden, dass das Thema nicht losgelöst von wirtschaftlichen, energie- und umweltpolitischen Interessen behandelt werden kann.

Die Aussagen der beiden Texte wurden in einer tabellarischen Übersicht gegenübergestellt und verglichen. In einer ersten Auswertung stellten die Schülerinnen und Schüler folgende Unterschiede fest:

Die Verfasser des RHEINBRAUN-Textes argumentieren primär ökonomisch, der BUND legt den Schwerpunkt auf die ökologische Ebene.

Die Aussagen des RHEINBRAUN-Textes wurden als sachlich und objektiv qualifiziert, dagegen werden im BUND-Text explizite Wertungen ("Meinungen") vorgenommen.

Dieses erste Ergebnis wurde im folgenden Unterrichtsgespräch ausdifferenziert und partiell korrigiert. Ansatzpunkt dafür war zum einen die erstaunte Frage eines Schülers, der von der RHEINBRAUN als unmittelbar interessierter Partei einen Text mit stärkeren Werbeappellen erwartet hatte. Zum anderen wurden aus den Textaussagen die Bedingungen von "Objektivität" diskutiert. Die Beurteilungsmaßstäbe ergaben sich aus folgenden Fragen:

Sind alle relevanten Aspekte eines Sachverhalts angemessen berücksichtigt?

Sind die Wertungen begründet?

Welche Maßstäbe werden z.B. bei bewertenden Vergleichen angelegt?

Die Ergebnisse sind in der folgenden Übersicht festgehalten. Eingearbeitet ist ein weiterer Textvergleich:

"Meinungen". In: A. Kreis/N. v.d. Ruhren, Braunkohlentagebau und Rekultivierung. Materialien 4. Das Rheinische Braunkohlenrevier. Hrsg. Rheinbraun AG, 1999 M1s

Ziel dieser Ergänzung war, den Blick stärker auf die ökologische Fragestellung und die Rekultivierung der Braunkohlentagebaue zu richten. Damit sollten die Voraussetzungen gelegt werden, dass die Arbeit an den Satellitenbildern an einer übergeordneten Problemstellung orientiert und von entsprechenden Fragen der Kursteilnehmer geleitet werden kann.

RHEINBRAUN informiert: Braunkohle in Europa Bund für Umwelt und Naturschutz: Garzweiler
vorwiegend ökonomische Argumente:
- Heimische Energien dürfen nicht benachteiligt werden: Steuern, Umweltauflagen
- Braunkohle behauptet sich aus eigener Kraft am Markt
- Braunkohle wird lagerstättennah verwendet: Hauptabnehmer sind Kraftwerke
- Braunkohle ist tragende Säule der Stromversorgung
- Effizienz und Umweltverträglichkeit bei Gewinnung und Verwendung der Braunkohle hat sich in den letzten Jahren stark verbessert
stärkere Berücksichtigung ökologischer Argumente:
- klimaschutzpolitischer und ökologischer Offenbarungseid
- Liberalisierung des Energiemarktes macht Ausweitung des Braunkohlentagebaus überflüssig
- aktuell: Stilllegung von Kraftwerkskapazitäten
- Alternativen: Energiesparen, rationellere Energieverwendung, erneuerbare Energien
- effektivere Flächennutzung durch Biomasse, Windräder
- Braunkohle nicht kostengünstiger, wenn externe Kosten vollständig berücksichtigt werden
Charakterisierung des Textes:
- sachlich-wissenschaftlich
- objektiv
Charakterisierung des Textes:
- bewertend
- Meinung
Kritik:
Zur ökologischen Problematik werden nur die positiven Veränderungen angegeben. Benutzt wird ein relativer Maßstab (Vergleich mit früherem Zustand).
Der Text argumentiert zu einseitig ökonomisch. "Objektivität" eines Textes setzt jedoch voraus, dass alle relevanten Problemaspekte angemessen berücksichtigt werden.
Kritik:
Zur ökologischen Problematik wird ein absoluter Maßstab angelegt, aber auch Vergleich mit den ökologischen Auswirkungen anderer Energieträger.
Die behauptete höhere Effektivität der Windenergie in Bezug auf die Fläche wird mit einem Hinweis auf einen "Interessenten" belegt.
Meinungen  
RHEINBRAUN:
- Durch die Rekultivierung entstehen artenreiche Wälder mit einer vielfältigen Fauna und Flora, Seen und Hügeln.
- Der Wald kann nicht nur waldwirtschaftlich genutzt werden, sondern dient auch als Erholungsraum.
- Auf den rekultivierten Böden werden Strukturverbesserungen erzielt (ohne Einsatz öffentlicher Kapitalmittel).
- Umsiedlung und Rekultivierung eröffnen die Chance, den ländlichen Raum nach den Ergebnissen der Raumordnung und der Agrarwissenschaft neu zu ordnen.
Kritiker von RHEINBRAUN:
- Rekultivierung schafft riesige, monotone und planierte Felder ohne Hecken, Gehölz, mäandrierenden Bachlauf ... nach Rentabilitätsgesichtspunkten
- Karree als Formprinzip, Bäume wachsen in Reih und Glied = Vergewaltigung der Natur
- Abraumhaufen werden als "Landschaftsbauwerke" verkauft
- Diese Landschaft ist unattraktiv, Touristen fliehen die Retortennatur.

Diese übersicht als Ergebnis der gemeinsamen Textanalyse erhielten alle Schülerinnen und Schüler. Sie bildete die Grundlage für den nächsten Schritt, der zunächst in einer kurzen Partnerarbeitsphase zu leisten war und dessen Ergebnisse dann im Kursplenum abgeglichen wurden: die Formulierung von Leitfragen/leitenden Gesichtspunkten, die die weitere Arbeit mit den Satellitenbildern steuern sollten.

Ausgangspunkt war die Frage "Welche der hier angesprochenen (kontroversen) Aspekte sollen/könnten wir mit Hilfe von Satellitenbildern überprüfen?". Grundlage dieser Frage war die erste Begegnung der Schülerinnen und Schüler mit Satellitenbildern in der Doppelstunde vom 05.03.2001.

Folgende Fragen wurden gestellt:

Wie groß sind die Rekultivierungsflächen (Abbaugebiete, Abbaustadium, Ausweitung)?
Ist die Rekultivierung erfolgreich/ökologisch sinnvoll? Führt sie zu einem "natürlichen" Ergebnis ("Rekultivierung" oder "Renaturierung")?
Wie werden die rekultivierten Gebiete genutzt (landwirtschaftlich/forstlich)?
Welche Unterschiede im Siedlungsbild vor und nach der Umsiedlung sind aus der Perspektive der Satellitenbilder zu erkennen?
Können klimatische Unterschiede durch Infrarotbilder festgestellt werden?
Welche Schadstoffemissionen werden durch Tagebaue und Kraftwerke verursacht?

Zur Beantwortung der Fragen notwendige Arbeitsschritte wurden genannt:

Vergleich der rekultivierten mit natürlichen Gebieten.
Zeitvergleich bezüglich des Zustandes von Waldflächen, Flussverläufen etc. über mehrere Jahre

 

 

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