monatelang im Smog brennender Wälder

der traurige Rest von Brandrodung

Freitag, 14. November 1997 Vermischtes Süddeutsche Zeitung Nr.264 / Seite 14

Die totgeschwiegene Katastrophe

In Südostasien brennen ganze Landstriche ab, Millionen Menschen drohen Krankheiten durch den verheerenden Smog

Jakarta (dpa) - Die Strategie ist konsequent: Als im September Bilder des Smogs in Südostasien um die Welt gingen, setzte in den Amtsstuben Jakartas und Kuala Lumpurs zwar ebenso hektische Betriebsamkeit ein. Schon nach wenigen Wochen aber kehrte wieder Ruhe ein. Noch immer brennen die Wälder Indonesiens - sie werden wohl noch lange brennen. Und die Regierungen in der Region tun alles, um das Desaster totzuschweigen.
"Der Haze ist vorbei", verkündete Malaysias Tourismusminister Sabaruddin Chik am 2. November, in verständlicher Sorge um den Fremdenverkehr, den zweitgrößten Devisenbringer seines Landes. Sabaruddin warf vor allem der Auslandspresse einen "Mangel an positiver Berichterstattung" vor. Nachdem wochenlang über den "Haze" genannten Brandsmog geredet wurde, registriere nun niemand das Ende des Notstandes, beschwerte sich der Minister.
Doch nur einen Tag später mußte die Staatsagentur Bernama melden: "Der Haze ist zurück - Flüge gestrichen." So war es. Auch ein Maulkorberlaß der Regierung in Kuala Lumpur, die Wissenschaftlern im Staatsdienst verboten hat, weiter mit den Medien über das Smogproblem zu sprechen, änderte nichts an den Tatsachen: Die Katastrophe ist noch lange nicht vorbei. "Die Wälder brennen immer noch", stellt die Hilfsorganisation "Brot für die Welt" fest. Schätzungen gehen von 800 000 bis 1,7 Millionen Hektar aus, die bereits vernichtet wurden.
Die Bekämpfung der Feuer ist weitgehend erfolglos geblieben, die ausländische Hilfe eher symbolisch. Satellitenphotos zeigen immer neue Brandherde, trotz einzelner Regenfälle werden es eher mehr als weniger. Nach wie vor lassen Plantagenbesitzer zur Brandrodung Feuer legen. Schwere Monsunregen werden durch das Klimaphänomen "El Niño" möglicherweise bis zum Frühjahr verzögert, und selbst dann ist nicht sicher, daß sie die unterirdisch weiterbrennenden Torf-Flöze löschen können.
Zwar haben Nordwinde Singapur und Kuala Lumpur seit zwei Wochen zumindest gelegentlich blauen Himmel verschafft. Dafür hat der Rauch inzwischen den Norden Australiens und Sri Lanka erreicht - und Indonesien selbst bekommt die ganze Wucht der Katastrophe zu spüren. Ob Unfähigkeit oder Absicht: Die Behörden sind nicht in der Lage, das Ausmaß der Gesundheitsschäden auch nur abzuschätzen: "100 Menschen werden täglich krank", heißt es aus der Provinz Palangkaraya auf Borneo - einer von vielen. Allein dort sind 23 000 Menschen wegen Erkrankungen der Atemwege in Behandlung, elf Personen sind gestorben - nur hier. Todesfälle durch Lungenentzündungen und andere Infektionen seien "dramatisch angestiegen", wird aus der Provinz Jambi auf Sumatra berichtet. Zahlen gibt es keine. Ausländische Experten gehen vage davon aus, daß bereits mehrere hundert Menschen an den Folgen des Smog gestorben sind, 20 Millionen seien bedroht.

Freitag, 14. November 1997