Die Entstehung Mallorcas

(nach Fellman, Anke: Die Steine Mallorcas - Morphologie einer Insel)

 Mallorca ist eine Insel von 3600 km2 und hat ihren Ursprung in einer komplizierten morphotektonischen Entstehungsgeschichte. Besonders auffällig sind die beiden Gebirgs- bzw. Hügelländer, die im Nordwesten und Südosten ohne weitere Übergangszone aus der Zentralebene herausragen. Der größte Teil der zentralen Ebene wird von Roterde überdeckt.

Die Entstehunggeschichte der Insel umfasst einen Zeitraum von 300 Mill. Jahren und reicht vom Karbon, dem Steinkohlezeitalter, über die Wüsten des Buntsandsteins und den Hochseezustand des Erdmittelalters bis zu den tertiären Salzwüsten und noch späteren sintflutartigen Niederschlägen der jüngsten Erdgeschichte. Der Ursprung des morphotektonischen Aufbaus der Inselkette der Balearen entspricht dem eines alpinen Bauplans. Die Balearen sind das Bruchstück eines zirkummediterranen alpidischen Faltengebirgssystems, welches als ausgedehnter Gebirgsbogen, von den betischen Kordilleren Südspaniens ausgehend, weit in das Mittelmeer hineinragt. Malloca weist eine orographische Dreigliederung auf, die sich landschaftlich eindeutig darstellt und bei allen Fahrten über die Insel klar in Erscheinung tritt. Den gesamten West- und Nordwestteil Mallorcas nimmt das Hauptgebirge, die Serra de Tramuntana ein. Es ist das einzige Gebirge der Insel, das mit seinem über 1000m hohen Rand den Blick auf das Meer versperrt. Die Serra de Tramuntana steigt am Puig Major, der höchsten Erhebung Mallorcas, bis auf 1445m empor. Hier erscheint das Gebirge von steilen Schluchten, zum Teil wilden Canyons durchschnitten. Das Gegenstück dazu bildet im Osten der Insel die Serra de Llevant. Auch hier erheben sich Berge, die allerdings gerade eine Höhe von 561m erreichen und bei weitem nicht durch dieselbe Schroffheit geprägt sind, die das Hauptgebirge charakterisieren. Zwischen diesen beiden Gebirgs- bzw. Hügellandschaften eingebettet liegt das weite, stellenweise leicht hügelige mallorquinische Flachland als zentrale Landschaftseinheit: es pla. Die Ebene, die zum großen Teil aus Meeresablagerungen des Tertiärs und dem Abtragungsschutt der Berge besteht, wird nur an zwei Stellen von größeren Hügelland-Komplexen durchragt. Die ältesten Gesteine wurden in den westlichen Bergen Mallorcas gefunden; besonders gut zu sehen an den steilen und schroffen Küstenkliffs. Mit der Entdeckung von dunklem Schiefer und Sandsteinen der Karbonzeit vor erst einigen Jahren, konnte endlich mit Gewißheit behauptet werden, dass die Balearen tatsächlich eine gemeinsame Entwicklung aufweisen und eine Fortsetzung der Betischen Kordilleren darstellen. Zuvor kannte man diese alten Gesteine nur von Mallorcas Nachbarinsel Menorca. Die Frage, ob Menorca sich eventuell aus einer anderen Region des Mittelmeeres herangeschoben hat, ist heute geklärt (Bäsemann 1994:88).
Das Gebirge der Serra Nord und der Serra de Llevant, sowie die aufragenden Hügelland-Komplexe der Mittelzone bestehen aus mesozoischem Kalkgestein, vornehmlich des Jura vor 180 Mill. Jahren. Die Insel ist bis zu 90 Prozent verkalkt. Auch unter den tertiären und quartären Ablagerungen der heutigen Zentralebene befindet sich Kalkgestein. Vor den großen Kontinentalverschiebungen des späten Erdmittelalters präsentierte sich die Insel als eine große Fläche ebener Sedimente. Durch Urkräfte des Erdinneren wurde Mallorca zusammengedrückt und verkleinerte sich dabei um mindestens 55 Prozent. Die Ablagerungen des Jura wurden regelrecht zerfetzt und mehrfach übereinandergeschoben. Die Folge war die Heraushebung der heutigen Gebirgs- und Hügellandformationen. Am Cap de Formentor, wo die Faltensättel wieder unter den Meeresspiegel abtauchen und sich Felsvorsprünge von besonderer landschaftlicher Schönheit zeigen, lassen sich die mehreren hundert Meter dicken, übereinandergeglittenen Gesteinspakete besonders gut beobachten. Im Tertiär wurden die niederen Bereiche der Insel vollständig vom Meer überflutet. Die Gesteine der Trias, des Jura sowie der Kreide wurden von den Ablagerungen des jüngeren Tertiärs überlagert. Durch heftige Niederschläge des Quartärs wurden riesige Schuttmengen vornehmlich aus der Serra Nord in das Flachland transportiert, die Risse und Schluchten dieses Gebirges wurden weiter vertieft (Winkler 1926). Desweiteren löste das im Regenwasser und so auch im Bodenwasser enthaltene Kohlendioxid große Mengen von Kalk auf, was zur Verkarstung der Gebirgs- und Hügelregionen der Insel führte. Die herausgehobene Lage, die große Klüftigkeit, Reinheit und Mächtigkeit des Kalkgesteins erhöhten die Verkarstungsfähigkeit.     In den verschiedenen Höhlen, besonders im Gebiet der Serra de Llevant, in fruchtbaren, ausgefüllten Hohlformen (sog. Poljen) des Hauptgebirges und der bizarren Karrenlandschaft, die allerdings lokal beschränkt ist, finden die Karsterscheinungen ihre besondere Ausprägung.

Auf der dem Landesinneren zugewandte Seite des Hauptgebirges bemerkt man zunächst wenig von der Verkarstung. Auffälliger, nackter Karst fehlt vollkommen. In ausgedehnten Bereichen stehen Pinuswälder, teilweise mit Steineichenarealen bedeckt. Erst im Gebiet der zentralen Ketten fällt auf, daß zahlreiche Poljen auftreten, in denen Ackerbau möglich ist, weil sie mit (roter) Erde und Schutt aufgefüllt sind und die Bodenstruktur in der Lage ist, Wasser zu speichern. Es ist ein besonderes Merkmal dieses Küstengebirges, dass in Höhen über 500 m plötzlich eine, wenn auch beschränkte Ackerbauzone mit Einzelhöfen auftaucht, während in den tieferen Lagen nur in einzelnen Tälern Feldbau-Terrassen mit Mandelbäumen oder Oliven möglich sind. Besonders auffällig ist hier die Karrenlandschaft. Das Karstgebirge des Nordens hat hier eine bizarre Formenwelt entstehen lassen, die in ihren scharfkantigen Karrenfeldern und den spitzen Karrengraten, die immer bis in das feinste gegliederte Lösungsrillen aufweisen, an Kleinformen aus dem tropischen Karst erinnert. Die einzelnen Karren sind mehrere Meter hoch und laufen kegelförmig nach oben aus. Sie stehen dicht nebeneinander und lassen die einzelnen Kalkbänke erkennen, aus denen sie herausgearbeitet worden sind. Besonders eindrucksvoll sind solche Formen in der Nähe der Straße, die das Gebirge von Inca am Gebirgsfuß bis zur Küste bei Sa Calobra quert, so auch in der Nähe des berühmten Klosters von Lluc. Ähnliche Formen zeigen sich an den Kalkfelsen unmittelbar an der Felsenküste der Bucht von Sa Calobra. Auf der Südseite, die dem Inneren der Insel zugekehrt ist, wurden gleiche Formen nirgends gefunden. Die Begründung liegt darin,dass die Gebirgsseite viel trockener ist als die Küstenseite, die fast alle niederschlagsbringenden Winde aus westlicher und nordwestlicher Richtung abfängt.
Wie in weiten Teilen der Mittelmeerländer, so ist auch auf Mallorca die Terra rossa weit verbreitet. Die über dem Kalkstein entstandene Terra rossa zeichnet sich durch ihre rote auffällige Farbe aus, die dem mitteleuropäischen Boden fremd ist. Der überwiegende Teil der weiten Zentralebene ist mit Terra rossa bedeckt. Besonders ist, dass diese Roterde-Decke nicht über dem Muttergestein aufliegt, sondern eindeutig als transportierter Boden erkannt werden kann. Auch in Schuttdecken an den Hängen findet sie sich eingelagert. Es geht eindeutig aus mehreren Profilen hervor, dass die Terra rossa zusammen mit den Hangschuttdecken herabgewandert ist und sich heute teilweise noch an den Hängen selbst, größtenteils aber in den Mulden und Ebenen der Insel befindet. Auch im Hügelland der Serra de Llevant sind die Hänge meistens frei von einer mächtigeren Bodendecke. An der Ostküste der Insel reichen schuttreiche Roterden am Abfall der Serra d'Artà bis zum Meeresspiegel in der Bucht von Canyamel herab. An der Strandlinie ist solcher Roterdeschutt durch die Brandungswellen völlig verfestigt und als eine Bank erhalten, die streckenweise aus dem Sandstrand herausschaut. Ohne Zweifel kann es sich dort nur um fossile Roterde handeln. Noch auffälliger als in den Schuttdecken findet man die Terra rossa innerhalb des Küstengebirges in den weiten Talsenken und vor allem in den großen Poljen. Sie sind überall mit Schutt des Kalkgesteins und überwiegend Toterde aufgefüllt. Die Roterde, die dem Verwitterungsmaterial und der Bodenbildung auf den angrenzenden Hängen entstammt und zusammen mit dem Schutt in die Poljen transportiert wurde, bildet heute die wertvollste Grundlage für einen Ackerbau im Gebirge, während er von der Ebene ab bis in Höhenlagen von 500m über NN nicht vorhanden ist.